Interview in der Weltwoche

Interview Weltwoche, Roger Köppel, 16.05.2010

Der Bundesrat lobt das 750-Milliarden-Euro-Rettungspaket zur Stützung der europäischen Einheitswährung. Zu Recht?
Nein, der Bundesrat lobt eine Lösung, die keine ist. Er hätte besser nichts gesagt. Zumindest sollte er kritisch bleiben, weil auch die Schweiz über den Internationalen Währungsfonds an den Beiträgen beteiligt ist…

…was Sie sicher schlecht finden?

Ja. Leider ist die Schweiz seit 1991 Mitglied des Internationalen Währungsfonds. Sie hatte nicht die Kraft weiter dagegenzuhalten. Wir verloren damals leider die Volksabstimmung, weil auch die Banken – aus Anstand gegenüber dem Bundesrat – dafür waren. Die Annahme der Vorlage euphorisierte den Bundesrat derart, dass er nur wenige Tage später ein EU-Beitrittsgesuch in Brüssel einreichte. Dort liegt es heute noch.

 

Was halten Sie vom Rettungspaket?

 

Die Fehlkonstruktion der EU tritt nun deutlich und für jedermann sichtbar zu Tage. Die Griechen hatten eine miserable Ausgabendisziplin, sie lebten über ihre Verhältnisse. Es gab Betrügereien, Bücherfälschungen; Bilanzen wurden geschminkt – vermutlich nicht nur von Griechenland. Diese Praktiken wurden und werden jetzt mit Geld unterstützt. Das Motiv dahinter: Es wird Geld bezahlt, um den Euro – eine weitere Fehlkonstruktion – zu stützen. Man behauptet keck, der Euro sei eine grossartige Erfindung und das aktuelle Problem habe seine Ursache lediglich im Larifari der Griechen. Aber: Der Euro ist eine wesentliche Ursache des Griechenland-Problems und damit aller Folgeprobleme. Die Griechen profitierten jahrelang ungerechtfertigt von einer Währung mit für sie zu tiefen Zinsen. So erhöhten sie die Ausgaben. Das Geld zur Schuldendeckung bekamen sie immer. Hätten die Griechen die Drachme behalten, hätte man ihnen nie diese Kredite gegeben, und es wäre nie soweit gekommen. Der Euro ist das Problem, nicht die sogenannt bösen Spekulanten.

 

Der Euro hat die Disziplinlosigkeit der Mittelmeer-Länder verschärft?

 

Eindeutig. Die tüchtigen EU-Länder müssen nun zahlen, die schwachen Staaten dürfen die Hand aufhalten. Sie haben gemerkt, dass man sie nicht fallenlassen kann. Die Ansteckungsgefahr ist gross.  Wer weiss, dass man ihn nicht fallenlassen kann, geht zu hohe Risiken ein. Der Fehler liegt in der Grundkonstruktion der EU und ihrer Währung. Der Euro wurde aus politischen Gründen eingeführt mit dem Ziel, die EU-Länder zusammenzuschweissen. Die Ökonomie wurde ausgeblendet. Es war von Anfang bekannt, wie gefährlich diese Währungsunion ist. Darum legte man für die einzelnen Länder Grenzen für Staatsverschuldung und Defizite fest. Auf dem Papier wurden diese eingehalten und schliesslich offen ohne Sanktionen überschritten. Elf Länder der Eurozone halten unterdessen die Kriterien nicht ein!  Das Wichtigste hat man vergessen: In der politischen Euphorie der Gründung legte man fest, wie man in den Euro reinkommt, aber nicht wie man ausgeschlossen werden kann.

 

Was wäre denn die Alternative gewesen? Deutsche und französische Politiker beteuern, alle Experten hätten ihnen gesagt, dass eine Umschuldung Griechenlands zum jetzigen Zeitpunkt viel zu riskant gewesen wäre. Man habe den grossen Rettungsschirm spannen müssen.

 

Die Politiker hatten Angst vor den unmittelbaren Folgen. Aber man täusche sich nicht: Was jetzt gemacht wurde, lindert zwar kurzfristig den Schmerz. Die Krankheit hingegen wird kultiviert. Szenarien für einen Ausstieg aus der Währung hätten schon vor Jahren erarbeitet werden müssen. Ich hätte deshalb erwartet, dass man unter dem Eindruck der unmittelbaren Krise diese Szenarien ernsthaft prüft. Offenbar wollen dies die europäischen Politiker noch immer nicht. Bundeskanzlerin Merkel soll erklärt haben: „Ohne Euro, kein Europa.“ Man klammert sich an eine Fehlkonstruktion.

 

Kritiker sagen, man hätte den Griechen einen Teil der Schulden erlassen, die Banken hätten auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten sollen. Frau Merkel antwortete, dafür sei es zu spät gewesen. Alle Fachleute hätten ihr zum gewählten Weg eines Rettungspakets ohne  Umschuldung geraten.

 

Es ist billig, alles auf das Timing abzuschieben. Wenn alle das gleiche sagen und alle beteuern, es gebe keine Alternativen, ist die Sache stets faul! Natürlich sind mit einem Staatsbankrott erhebliche Verluste verbunden. Vor allem deutsche Staatsbanken kauften sorglos griechische Staatsanleihen, um einen etwas höheren Zins zu erzielen. Diese Banken hätten die Verluste tragen müssen, aber die EU wäre ihr Klumpenrisiko Griechenland losgeworden. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass die EU-Staaten ihre Griechenland-Kredite jemals zurückbekommen?

 

In Griechenland gehen bereits die Beamten auf die Strasse. In Deutschland sind die meisten Leute gegen die Hilfe. Wie schätzen Sie die politische Stimmung in Europa ein?

 

Die Weigerung der Politik, die Euro-Krise an der Wurzel anzugehen, erzeugt gewaltige Spannungen. Das erfüllt mich mit Sorge. Wenn ich sehe, wie deutsche Zeitungen gegen die Griechen schreiben, bin ich alarmiert. In Österreich greift der SP-Fraktionschef die Schweiz als «Trittbrettfahrer« an, wir müssten auch bezahlen. Das Friedensprojekt EU wird plötzlich zum Brandbeschleuniger nationaler Spannungen.

 

Hat Sie das überrascht?

 

Nein. Man kann die Reaktionen nachvollziehen: Der deutsche Arbeiter muss zahlen, während viele Griechen mit 55 und übersetzten Renten in die Pension gehen und die dolce vita pflegen. Einzelne Länder fühlen sich ausgenützt. Zu Recht. Allen voran die Deutschen, die einem durchaus leid tun können: Nach dem Krieg durfte man nicht Deutscher sein, also  war man Europäer. Die EU wurde so eine Art Ersatzidentität. Die anderen Länder der EU forderten stets, dass die Deutschen zahlen mussten. Stillschweigend warf man ihnen immer den verlorenen  Krieg vor. Jetzt aber leben Generationen in der Bundesrepublik, die weder einen Krieg angefangen noch verloren haben. Irgendwann muss das aufhören. Ich legte schon anfangs der neunziger Jahre, als die Schweiz über den EWR-Beitritt (die Vorstufe zur EU) zu entscheiden hatte, dar: Die Österreicher zahlen den Schweizern auch nichts mehr, obschon sie die Schlachten bei Morgarten und Sempach verloren haben! (lacht)

 

Was würden Sie Merkel und Sarkozy raten, wenn Sie mit Ihnen am Tisch sässen?

 

Sie müssten hinstehen und sagen: „Schaut, wir mussten diesen Unsinn mit dem Rettungspaket beschliessen, das ist nun durchzuziehen. Aber jetzt müssen wir innerhalb eines Monats ein Ausstiegsszenario entwerfen für Länder, die die Kriterien nicht erfüllen und deshalb in solche Schwierigkeiten geraten.“ Es braucht ein Ausschlussverfahren. Der Euro wird nicht zu halten sein. Politisch geschaffene Währungen, es gab einige in der Geschichte, leben höchstens 15 bis 30 Jahre. Das ist beim Euro genauso. Es fehlen die ökonomischen Voraussetzungen.

 

Die EU will das Euro-Problem mit noch mehr Europa lösen. Kommt jetzt der Durchbruch zum Superstaat EU?

 

Die linken Kreise suchen das Heil in noch mehr Zentralisierung. Man will alles unter einen Nenner zwingen: Wirtschafts-, Finanz-, Steuer- und Sozialpolitik. Das ist die Tragik: Wenn Politiker etwas falsch machen, haben sie nicht den Mut, den Fehler zuzugeben und das ganze rückgängig zu machen. Nein, man legt lieber noch einen Zacken zu, auf dem falschen Weg. Aber machen wir uns nichts vor. Dies alles wird die EU wirtschaftlich weiter schwächen.

 

EU-Kommissionspräsident Barroso sagte vor fünf Jahren, mehr Zentralismus werde es nicht geben. Heute erzählt der gleiche Mann das Gegenteil.

 

Wer ohne Grundlage regiert, erzählt jeden Tag etwas anderes. Die EU-Politiker setzen den Wohlstand Europas aufs Spiel, um den Euro zu stützen. Stellen wir uns nur für einen Moment vor, was es heisst, von Portugal über Deutschland bis Polen eine einheitliche Wirtschafts-, Sozial-, Finanz- und Steuerpolitik durchzuführen. Die Türken stehen auch vor der Tür. Wer setzt die Steuerstandards? Wer prüft die Bücher und schreibt die Budgets vor? Die EU ist und bleibt ein Grössenwahnprojekt.

 

Eine Rückabwicklung des Euro würde in den Augen der Deutschen und der Franzosen das Friedensprojekt EU gefährden. Das löst Ur-Ängste aus. Wie ist damit umzugehen?

 

Man müsste sich von der fixen Idee, entweder die Konstruktion EU oder kein Europa, lösen. Die EU-Staaten klammern sich an die EU mit dem Argument, sonst gebe es wieder Krieg. Stimmt das? Es war sicher gut, dass vor allem Deutschland und Frankreich nach zwei Weltkriegen näher zusammenrückten. Das war auch für die Schweiz nachvollziehbar. Das Ziel, Kriege zu verhindern durch bessere Zusammenarbeit, bestreitet doch niemand. Aber eine Währung darf niemals zu einem derartigen Götzenbild werden, dass man es als Kriegsverhinderungsinstrument anbetet. Wegen verschiedener Währungen bricht doch kein Krieg aus. Und man kann auch dann zusammenarbeiten, wenn es verschiedene Währungen gibt. Das zwanghafte Zusammenbinden in der EU verschärft die Spannungen.

 

Der Ökonom Kurt Schiltknecht ist pessimistisch. Durch die riesigen Hilfspakete und die enorme Staatsverschuldung würden dem Markt gewaltige Summen entzogen. Folge: Die EU wird in den nächsten Jahren der Chance beraubt, wirtschaftlich zu wachsen.

 

Einverstanden. Es wird wirtschaftlich schlechter gehen für alle Länder. Es wird auch die Schweiz treffen, weniger als die EU-Staaten, aber trotzdem. Das Problem geht weit über Europa hinaus.  Die schlimmsten Verschuldungen haben die USA und Japan. Staatsverschuldungen ziehen Unsummen aus dem Privatsektor ab. Dieses Geld fehlt für Investitionen. Nehmen Sie Deutschland: Die Deutschen müssten zur Ankurbelung ihrer Wirtschaft die Steuern senken. Dringend. Das sei angesichts der Euro-Hilfen nicht mehr möglich, sagt jetzt die Kanzlerin. Sie erkennen den Mechanismus: Wenn es darum geht, den Bürgern 30 Milliarden weniger zu nehmen, kann man sich das nicht leisten. Beim Ausgeben sind Garantien in mehrfacher  Höhe dann kein Problem.

 

Kann man Staatsschulden dieser Grössenordnung ohne Inflation tilgen?

 

Kaum. Und das trifft dann alle. Vor allem die Rentner und Kleinverdiener. Dazu kommt heute das billige Geld. Bei den tiefen Hypothekar-Zinsen überschulden sich viele, um in angeblich sichere Immobilien einzusteigen. Ich würde im Bundesrat ernsthaft darüber nachdenken, was wir unternehmen müssen, um eine Immobilienkrise in der Zukunft abzuwenden. Es wäre die Aufgabe der europäischen Notenbank, die Inflation zu verhindern, statt überschuldeten Staaten Geld zu geben. Ich traue dem europäischen Notenbankpräsidenten Trichet ehrlich gesagt diese Standhaftigkeit nicht mehr zu. Woher sollen die Europäer den Mut nehmen, die gewaltige Liquidität aus dem Markt zu ziehen, wenn es ihnen schon an der Courage fehlt, Griechenland auf den normalen Weg jedes Schuldners zu zwingen.

 

Welchen europäischen Politikern trauen Sie eine Lösung zu?

 

Grundsätzlich traue ich den Engländern von der Mentalität her am ehesten eine Lösung zu. Wenn es hart wird, bringen die Briten hervorragende Führungspersönlichkeiten hervor. Sie hatten einen Churchill, eine Thatcher. Möglicherweise würde es Tony Blair besser machen als heute Cameron oder Clegg. Warten wir ab. Wenn ich auf Deutschland blicke, sähe ich, obwohl ich gar nicht auf seiner Linie liege, bei Ex-Kanzler Gerhard Schröder das Potenzial, das Heft in die Hand zu nehmen. Schröder hatte immerhin den Mut, im Sozialwesen etwas aufzuräumen – gegen heftigen Widerstand. Früher wäre es wohl Helmut Schmidt gewesen.

 

Erleben wir eine Zeit schwacher Politiker?

 

Eindeutig. Die wirtschaftlich sehr guten Nachkriegsjahre bilden kein Lebensklima, das starke Persönlichkeiten erzeugt. Das gilt nicht nur für die Politik. Kommt dazu, dass die Bürger die farblosen Anpasser dem mutigen oft etwas unbequemen Realisten vorziehen. Das hat Politiker dazu verleitet, nicht über die fundamentalen Dinge zu reden und zu streiten. Wer redet zum Beispiel über die EU, die horrenden Staatsverschuldungen, die Fragwürdigkeit,  alles mit Geld decken zu wollen? Das fällt mir vor allem in Deutschland auf. Wer den Wert  des übersichtlichen Nationalstaates hochhält, wird sofort als Extremist verschrien. Hier spürt man, dass Deutschland eine junge Demokratie ist. Die direkte Demokratie, wie wir sie haben, zwingt zu mehr Offenheit und Auseinandersetzung. Ein etwas ungezwungener Umgang gerade mit Problemen, von denen niemand gerne spricht, wäre nötig. Das Unheil passiert ja stets mit solchen Tabu-Konstruktionen.

 

Sind Sie enttäuscht von Angela Merkel?

 

Es fehlt ihr die Kraft. Sie schaut auf den Wahlerfolg –  von ihr und ihrer Partei. Sie macht im Wesentlichen  das Gleiche wie die Vorgängerregierung. Darum wird sie die Wahlen verlieren. Dabei hätte sie eine hervorragende Chance gehabt: Sie wurde mit der FDP gewählt und hätte sagen können, jetzt gehen wir massiv in die freiheitliche Richtung. 4 Jahre kann das niemand verhindern. Sie hätte sich für das Wohl ihres Landes einsetzen, die Steuern senken, die Wirtschaft befreien und die Fehlkonstruktionen der EU anpacken können. Mag sein, dass sie in 4 Jahren nicht wiedergewählt worden wäre, aber ihrem Land ginge es wohl besser.

 

Wo sehen Sie die grössten Risiken für die Schweiz?

 

Kurzfristig resultiert ein starker Schweizer Franken. Die negativen Folgen für den Export sind kurzfristig und nicht zu überschätzen. Langfristig gleicht sich das wieder aus. Aber ich sehe es grundsätzlicher: Wir sind von Staaten mit einer massiven Verschuldung umgeben. Die brauchen Geld. Damit steigt die Versuchung, andere Länder über die Grenzen hinweg unter Druck zu setzen. Das kann gefährlich werden.  Der kriegerische Griff nach der Schweizer Staatskasse ist eine Konstante in der europäischen Geschichte. Riskant sind die Spannungen innerhalb der EU. Es geht nicht um Konflikte unter Politikern, sondern die Bürger sind verärgert über die unsolide Politik. Das ist brandgefährlich. Deshalb gilt für die Schweiz: Vorsorgen, auch für eine starke Armee.

 

Wie verletzlich ist die Schweiz durch Staaten, die irgendwann ihre Schulden nicht mehr bedienen können?

 

Die Schweiz ist wohl mit Krediten in USA und Deutschland am meisten engagiert. Beide Staaten – vor allem USA – sind sehr hoch verschuldet. Wie die Amerikaner das Problem der zu hohen Schulden lösen, kennen wir: Durch Geldentwertung. Und, wenn es hart auf hart geht, sind sie gross und stark genug, die  Schulden nicht zurückzahlen. Die Schweiz hat kein Interesse, dass es anderen schlecht geht. Doch die Schweiz muss die Kraft haben, den eigenen Weg zu gehen. Leider höre ich aus dem Bundeshaus andere Signale. Unsere Aussenministerin sagte bereits, man wolle in Brüssel mitentscheiden. Das ist ein Beitritts-Plädoyer. Ich höre Stimmen, die im starken Schweizer Franken einen Nachteil sehen. Die wollen sogar in den Euro, um diesen Schwierigkeiten auszuweichen.

 

Die Nationalbank hat massiv Euros eingekauft. Ist das richtig?

 

Dass die Nationalbank versucht, gewisse  Eurosprünge auszugleichen, ist verständlich. Ich würde es aber nicht so an die grosse Glocke hängen. Je mehr sie betonen, wie viel Euros sie einkaufen, desto offenkundiger wird die Tatsache, dass der Franken nach oben tendiert und dass der Euro zur Schwäche neigt.

 

Welche konkreten Strategien muss die Schweiz jetzt gegenüber der Europäischen Union anwenden?

Erstens: Wir dürfen auf keinen Fall weitere Verträge mit der EU abschliessen, die unsere Handlungsfreiheit einschränken. Zweitens: Wir müssen im Inland wie eine kluge Hausfrau wirtschaften. Die Einnahmen und die Ausgaben sind genau aufeinander abzustimmen. Wir glauben, die Schweiz stehe gut da. Unter den Blinden ist auch der Einäugige König. Unsere Staatsverschuldung ist auch zu hoch. Vor allem müssen wir den Bürger stärken! Der Staat muss den Bürgern Geld zurückgeben. Das gibt Beweglichkeit. Was Staaten mit dem Geld anrichten, das hat man jetzt gesehen.

 

Warum greift die SVP nicht gerade jetzt die Personenfreizügigkeitsabkommen und den Schengenvertrag mit der EU an? Sie sagen selbst, dass die Unabhängigkeit zu stärken sei.

 

Zunächst: Es wird bis in höchste Regierungsstellen behauptet, wer gegen die Personenfreizügigkeit sei, sei gegen ausländische Arbeitskräfte. Das ist dummes Zeug und nicht unsere Position. Wir waren immer der Meinung, wenn wir Leute brauchen, müssen wir sie dort holen, wo sie sind. Egal, ob Japaner, Amerikaner oder Deutsche oder Chinesen. Man darf diesen Ausländern aber nicht sofort ein Bleiberecht zusprechen oder gar, wie wir es heute mit der EU praktizieren, unverzüglich den vollen Anspruch auf unsere Sozialleistungen gewähren. Jetzt haben wir die unhaltbare Situation, dass wir alle aus der EU ins Land lassen müssen, aber die Arbeitskräfte aus aussereuropäischen Länder, die wir vielleicht noch mehr brauchen, müssen draussen bleiben. Die Rückwanderung wird abnehmen, weil die Herkunftstaaten in immer grössere Schwierigkeiten geraten. Das Gefälle wird grösser.

 

Die Wirtschaft ist in diesem Punkt mehrheitlich gegen Sie. Warum gelingt es Ihnen nicht, die Unternehmer auf Ihre Seite zu ziehen?

 

Die SVP war allein und hat die Abstimmung bei der Personenfreizügigkeit verloren. Viele Wirtschaftsleute denken in dieser Sache zu kurzfristig. Immerhin: Die Schattenseiten der Personenfreizügigkeit werden langsam erkennbar. Auch der Schengenvertrag stellt sich als Mogelpackung heraus. Die Kosten laufen aus dem Ruder. Im Asylbereich trat der versprochene Rückgang der Gesuche um zwei Drittel nicht ein. Zudem gibt es immer mehr Verbrechen. Der Fall Libyen zeigte schliesslich, dass wir unsere Unabhängigkeit bei der Visapolitik verloren haben. Wir mussten über Schengen gegen Libyen vorgehen. Am Ende stellten sich die Schengenstaaten nicht etwa auf unsere Seite sondern auf die Seite von Gaddafi.

 

Was halten Sie von der neuen Mitte-Allianz aus FDP, BDP und CVP?

 

Verlierer schliessen sich gerne zusammen. Das ist eine Reflexbewegung, kopflos. Man muss sich den Sinn dieses Bündnisses vor Augen führen: Sie wollen ohne SVP regieren. Die neue Allianz rühmt heuchlerisch die Konkordanz, setzt sich aber im Konkreten darüber hinweg. Aber verlieren wir nicht zu viel Kraft für dieses Parteigeplänkel. Die SVP wird sich für eine unabhängige, freie und wohlhabende   Schweiz einsetzen, gleichgültig mit wie viel Sitzen sie im Bundesrat vertreten ist. Darum gewinnt die SVP die Wahlen.

 

Was raten Sie der FDP?

 

Kehrt zu euren Grundprinzipien zurück! Bald sind wir von der SVP die einzigen Freisinnigen. Würde die FDP das Gleiche vertreten wie wir, würde dies die SVP schwächen. Dann könnte ich endlich abtreten und sagen, jetzt ist gut, endlich machen die anderen auch das, was wir machen müssen. Mir geht es um die Schweiz, nicht um die SVP, ein Partner in dieser Sache wäre wertvoll. .

 

Parteipräsident Pelli hat Ihnen in einem NZZ-Interview vorgeworfen, Sie seien beim Dossier Staatsvertrag mit den USA Steigbügelhalter der Linken. Man könne mit Ihnen nicht zusammenarbeiten.

 

Es stimmt, dass wir bei der „too big to fail“-Problematik mit der SP zusammengehen, wenn auch aus ganz anderen Motiven. Die Frage aber ist: Wie oft geht denn der Freisinn mit der SP zusammen? Wer hat denn mit der Linken die Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU unterstützt? Die FDP. Wer hat an der Seite der SP den Schengenvertrag gefordert? Die FDP. Wer hat denn mit der Linken bei der Mehrwertsteuer einer Erhöhung zugestimmt? Die FDP. Und schliesslich: Wird die neue Mitte den Mut haben, bei der von links geforderten „Bonisteuer“, die nichts anderes als eine neue Unternehmenssteuer ist, nein zu sagen? Wenn es Herr Pelli so schlimm findet, in einer Sache auch mit Linken zusammenzuspannen, könnte er mit seiner Partei vorangehen.

 

Ein letzter Punkt: Gehen die Bestrebungen des Bundesrates zur Lösung des „Too big to fail“-Problems in die richtige Richtung?

 

Es sieht so aus. Zumindest: Endlich wird das Problem anerkannt. Sogar die Grossbanken sehen es endlich. Sie wissen, dass sie nur aus der Umklammerung des Staates herauskommen, wenn sie wieder voll den Marktkräften ausgesetzt werden ohne offene oder verdeckte Staatsgarantie. Das stimmt zuversichtlich.

 

Zusätzliche Fragen:

 

Mit welchen konkreten weiteren Angriffen der EU auf die Schweiz rechnen Sie angesichts der gewaltigen finanziellen Probleme, in denen sich die EU-Staaten befinden?

Der Druck auf die Schweiz nach Zahlungen, Steuerharmonisierung, Anpassungen an das EU-Recht wird zunehmen. Wenn die Schweiz – wie bisher – fast jeden beliebigen Wunsch erfüllt, wird dies gefährlich. Wenn sie standhaft bleibt und ihre berechtigte Situation durchsetzt ist dies keine ausweglose Situation. Übrigens: Dieser Druck kommt, weil es der Schweiz finanziell besser geht. Er wäre noch höher, wenn unser Land in der EU wäre.

 

Man sagt, hohe Boni gefaehrden den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Handkehrum aergert sich niemand, wenn Roger Federer Hundert Millionen verdient. Stimmt es eigentlich, dass zu hohe Loehne gesellschaftliche Spannungen verursachen? Oder warum wird Federer anders bewertet als Brady Dougan?

 

Hohe Boni werden dann akzeptiert, wenn sie die Folge hoher Leistungen sind. Das ist bei Federer und der Wirtschaftsmanagern so. Federer erhält den „Bonus“ weil er der beste ist. Die hohen Managerlöhne sind besonders seit der Bankkrise in der Kritik. Hohe Boni bei schlechter Leistung! Hier muss angesetzt werden. Wo keine Leistung – auf längere Sicht – keine Boni. Wo hohe Leistung – hohe Boni! Das wird die Akzeptanz erhöhen. Es ist aber  unverständlich, wenn es Firmen gibt, die trotz juristischer oder faktischer Staatsgarantie und ungenügenden Leistungen Boni bezahlen. Das wird sich ändern!

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